Zorn

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Zorn

Zorn

Nicht verdrängen!

Wenn in den Psalmen von „Zorn“ die Rede ist, dann vom Zorn zweier AkteurInnen: dem Zorn der Menschen und dem Zorn Gottes. Das hebräische Wort für „Zorn“ entspricht dem für „Nase“, ein Zornesschnauben durch die Nase – plastisch vorstellbar wie bei einem gereizten, wilden Tier. Höchst gefährlich! Tödlich (Psalm 124,3)!

Menschen wie Tiere können wütend werden, wenn sie angegriffen werden, sich um ihrer oder ihrer Anbefohlenen Überleben wegen verteidigen müssen – das kann lebenserhaltend sein. Menschen wüten aber auch, ohnmächtig, blind um sich schlagend oder auch strategisch gezielt gegen andere, individuell und kollektiv. Völker erheben sich im Krieg. Herrschende gieren nach Macht durch Zerstörung und Unterwerfung. Eskalierende Gewalt breitet sich aus und brennt alle Vernunft nieder. „Das Wüten der ganzen Welt“, so der Titel eines Romans des niederländischen Schriftstellers Maarten ’t Hart, wird unkontrollierbarer Zorn, Chaos verbreitend. Der Zorn aber nimmt alle gefangen, Täter und Täterinnen ebenso wie die Opfer. Er entwürdigt, entmenschlicht und übernimmt die Macht. Der Zorn ist wahrhaftig kein guter Ratgeber für menschliches Zusammenleben.

Dagegen erinnern die Psalmen im großen wie im kleinen Kosmos: „Lass ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust!“ (Psalm 37,8) Also: Kehrt um zur Hoffnung auf Gottes Tun! Kehrt um zum Leben, zur Menschlichkeit! Geht den Weg der Weisungen und Gebote Gottes. Sie sind wie ein Schutzzaun für euer Leben.

Was aber, wenn Gott AkteurIn ist, wenn Gott zürnt?

Die Psalmgebete der Bibel spiegeln uns menschliche Erfahrungen von Bedrohung in äußerer und innerer Existenz wider. Leben und Glauben sind infrage gestellt. Psalmisten fragen: Wie lange noch sollen die Feinde triumphieren und diejenigen unterdrücken, die nach den Geboten Gottes leben? Warum leben Gottlose scheinbar glücklich? Wozu lässt Gott die Ungerechtigkeit zu? Die BeterInnen der Psalmen lassen Gott nicht los. Sie werfen Gott ihre Fragen, ihre Verzweiflung und Verlassenheit hinüber. Sie bringen sich drängend in Erinnerung – und warten auf Antwort, Rettung, Gerechtigkeit. Was sind d a s für Gebete! Wo sprechen wir sie heute (noch)? Über Grenzen von Zeit und Raum hinweg greifen die Psalmen heutiges Elend auf, geben uns Sprache gegen das Verdrängen und Aufgeben. Wer denkt nicht an eigenes Leid, an aktuelles Weltgeschehen, rechtlose Flüchtlinge, Verelendungssysteme und vieles mehr?

„Hat Gott vergessen gnädig zu sein und sein Erbarmen im Zorn verschlossen?“ (Psalm 77,10) – „Das macht dein Zorn, Gott, dass wir so vergehen und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen …“ (Psalm 907) So erkennen und klagen Betende vor Gott, klagen Gott im Tiefsten an.

Und halten darin an Gottes Erbarmen fest, an seiner Zuwendung. Halten den Lebensmut, die Widerstandskraft damit über Wasser; halten aus; ja, zwingen Gott schier zur Umkehr um seiner Schöpfung willen.

Aber Gottes Zorn ist den unterdrückten Elenden auch Hilfe. Letzte, einzige Hoffnung auf Umkehrung der Verhältnisse und auf Gerechtigkeit. „Zorn erfasst mich über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen.“ (Psalm 119,53) – „Steh auf, Gott, in deinem Zorn, erhebe dich wider den Grimm meiner Feinde! Wache auf, mir zu helfen … Gott ist Richter über die Völker. Schaffe mir recht …“ (aus Psalm 7)

Das Thema „Zorn“ in den Psalmen. Zorn Gottes und Zorn der Menschen. So schwer zu ertragen. Und dennoch: bloß nicht verdrängen! Nicht im Glauben und Reden, nicht im persönlichen und gemeinsamen Gebet. Nicht aufgeben, weder Gott noch die Verhältnisse noch sich selbst, damit alle und alles zum Leben kommen.

Text: Bärbel Krah

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