Mut

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Mut

Mut

Strategie für bedrängte Menschen

Was die Psalmen unter Mut verstehen, ist nur indirekt zu erschließen, denn weit öfter als von Mut ist in den Gebetsliedern von seinen Gegenbegriffen die Rede, von Angst und Furcht, von Zittern, Grauen und Schrecken. Nicht der mutige Aufbruch zu neuen Horizonten, nicht das tapfere Durchhalten scheint die menschliche Konstante zu sein, sondern die Verzagtheit. Gerade in den Klagepsalmen füllen sich die zahlreichen „Notschilderungen“ mit diesem lähmenden Gefühl, und wie in Psalm 56 sind es häufig die „Feinde“ der Beter, die ihm oder ihr Angst bereiten.

Der Mut dagegen gehört zu den Eigenschaften der Helden. In der Bibel wird er zu großen Teilen von Männern, selten aber auch von Frauen besetzt, die in Kriegsereignisse verwickelt sind und sich zum Widerstand aufraffen. Manches Mal scheint der Kampf hoffnungslos. Die Gegner wirken überlegen, ja unbesiegbar. Der Mut der Helden Israels ist deshalb oft ein Mut der Verzweiflung. Er schließt die bewusste Bereitschaft ein, etwas zu riskieren, eventuell gar das eigene Leben; nichts für Kontrollmenschen und Sicherheitsfreaks!

Der hebräische Ausdruck für „Mut“ ist bildhaft zu verstehen: Er bezeichnet die starke, die feste, nicht zitternde und nicht zurückweichende Hand. Die so charakterisierte, physische Stärke setzt eine entsprechende psychische Ausstattung voraus. Standfest, zupackend, zielsicher: Der wohl bekannteste Held der Hebräischen Bibel, König David, lieferte das Musterbeispiel eines wagemutigen Kämpfers, als er sich, selbst nur mit einer Steinschleuder ausgerüstet, dem schwer bewaffneten und gepanzerten Goliath entgegenstellte. Der junge Kämpfer glaubte gegen allen Augenschein an eine Gottesmacht, die alle menschlichen Kräfte in den Schatten stellte.

„Denn wer ist dieser unbeschnittene Philister, der das Heer des lebendigen Gottes verhöhnt?“ (1 Sam 17,26) Aus dem Vertrauen auf JHWHs Überlegenheit heraus nahm David dessen Aufforderung „Fürchte dich nicht!“ ernst, die sich durch die gesamte, biblische Überlieferung zieht. „Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun? (…) Es ist gut, auf den HERRN (zu) vertrauen und nicht sich (zu) verlassen auf Menschen.“ (Psalm 118,6 und 8)

Psalm 56 will nicht etwa an die berühmte Legende von David und Goliath erinnern. Er spielt vielmehr auf eine wenig triumphale Notsituation Davids an, in der der angehende König sich fürchtete (vgl. 1 Sam 21,11ff). In diesem Psalm ist nicht von einem strahlenden Helden die Rede, sondern von einem ängstlichen, einem verzweifelt weinenden (Psalm 56,9), bedrohten Menschen, der in seiner Not nur noch Gott um Hilfe anflehen kann. „David“ ist zur Identifikationsfigur der Verzagten geworden. Nicht die Jubelschreie eines siegreichen Israel, sondern die Tränen eines Volkes, das an den Wassern Babylons sitzt und weint (vgl. Psalm 137,1), soll der Psalm als Gebetsformular und zur Ermutigung dienen.

Die Bedrängnis des Beters hat etwas Allgemeines und Typisches, das über Davids und Israels Situation hinaus in die schwersten Stunden eines jeden Menschen reicht. Lebensgefahr. Von Angreifern und Gegnern belauert, von ihren missgünstigen Gedanken verfolgt. „David“ weiß um die Überlegenheit seiner Feinde und kann die Gefahr entsprechend realistisch einschätzen. Doch er kennt auch Gottes Überlegenheit über alle menschlichen Kräfte, und dieses Wissen, dieses Gottvertrauen ist sein Mittel gegen die eigene Angst. „Auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun?“ (Psalm 56,5.12; vgl. auch Psalm 27,1; 118,6). Dieser Satz ist sowohl ein Bekenntnis, als auch eine Beschwörung. Die Bedrohung durch die Widersacher scheint so mächtig und so anhaltend zu sein, dass die Erinnerung an die einzig wirksame Stütze des Beters, seinen Gott, wiederholt werden muss. Vielleicht sagt er sich Gottes „Fürchte dich nicht!“ selbst immer wieder vor, vielleicht ist genau diese Formel das „Wort“, auf das er baut (Psalm 56,4).

Erst nach der zweiten Selbstvergewisserung zeigt es Wirkung und gibt ihm das heraufbeschworene Selbst- und Gottvertrauen zurück (Psalm 56,13ff). Das bloße Gebet, das Bekenntnis allein wirkt schon ermutigend, ohne dass sich die konkrete Bedrohung gelegt hätte. Der Beter weiß jetzt, wie er seinen Feinden begegnen kann. Er zieht sich aus deren Schlingen, indem er ihre Kräfte als menschliche, demnach begrenzte relativiert. Insofern stellt der Psalm eine (Gebets-)Strategie vor, der das besiegte Israel, der aber auch jeder verängstigte und bedrängte Mensch folgen kann. Um einer Gefahr mutig zu begegnen, ist ein Blick über die eigenen Unzulänglichkeiten hinaus nötig. Er verschließt sich nicht vor den Tricks der Gegner, aber er reicht über deren Aktivismus hinaus auf einen Gott, der in seinen Möglichkeiten nicht in den engen, menschlichen Grenzen steckt.

Text: Susanne Krahe

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