Musik

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Klänge des Psalteriums

Fünfzehn Stufen, so lehrt der Talmud, hatte die Treppe des Jerusalemer Tempels. Stufe für Stufe, so vermutete die frühe Kirche, hat der Priester während der traditionellen Wallfahrtsfeste je einen Psalm in einer höheren Tonlage angestimmt – dem Himmel entgegen. Die Psalmen 120 bis 134 heißen deshalb auch Stufenlieder. Martin Luther hatte eine andere Vorstellung: Er hat die hebräische Überschrift „Shir ha Ma’alot“ (Lied der Stufen) mit „Lied im höheren Chor“ übersetzt, weil er angenommen hat, dass die Lieder von einem Chor auf einer erhöhten Plattform vorgetragen worden seien.

Wie mögen die Lieder zu dieser Zeit geklungen haben, wie mag überhaupt musiziert worden sein? Darüber kann man nur Vermutungen stellen. Die kleinen Überschriften am Beginn der Psalmen weisen auf den Anlass des Psalms oder den Charakter der Musik hin, etwa ob es ein Klagelied oder ein Loblied ist. Manchmal wird auch auf eine bestimmte Melodie verwiesen, wie „nach der Lilien Weise“, oder es gibt Angaben zur Verwendung bestimmter Musikinstrumente. Sicher ist: Alle Psalmen – nicht nur die Stufenlieder – sind ursprünglich gesungene Gebete. Ihre Melodie und ihr Rhythmus haben die Empfindungen der Betenden widergespiegelt. Sie haben als kultische Gesänge im Tempel zu Jerusalem gedient. Dort sind Poesie und Musik besonders gepflegt worden, weil das zweite Gebot („Du sollst dir kein Bildnis machen“) keine bildlichen Darstellungen im Tempelbezirk erlaubt hat.

Musik schwingt schon im Namen des Buches der Psalmen mit: Es wird auch Psalter genannt, nach dem griechischen Ausdruck für das Saiteninstrument Psalterium (oder Psalterion). Dieses Instrument wird häufig in den Psalmen erwähnt. So heißt es in Psalm 33,2: „Danket dem Herrn mit Harfen / Lobsinget ihm zum Psalter von zehn Saiten!“ Man kennt das meist trapezförmige oder rechteckige Psalterium hierzulande mehr aus bildlichen Darstellungen früherer Jahrhunderte denn aus eigener Anschauung: Nur vereinzelt findet man Instrumentenbauer und Musiker, die das Spiel auf dem Psalterium, das durch die Kreuzzüge im 11. oder 12. Jahrhundert seinen Weg aus dem Orient nach Europa gefunden hat, noch pflegen.

Im Neuen Testament wird berichtet, Jesus habe mit seinen Jüngern beim Abendmahl einen Lobgesang angestimmt (Mt 26,30 und Mk 14,26), und der Apostel Paulus hat die frühchristlichen Gemeinden aufgefordert: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!“ (Eph 5,19). In den ersten christlichen Jahrhunderten sind so unter den Einflüssen der jüdischen Liturgie einfache Melodien entstanden, die zunächst von Solisten vorgetragen worden sind. Im 4. Jahrhundert hat die Gemeinde begonnen, mit einfachen, kurzen Gesängen auf die solistischen Gesänge zu antworten. Mit der Entstehung von Mönchsorden gab es viele Sänger, die die Psalmen auswendig kannten. So konnten sie sich während des Gottesdienstes in zwei Chöre aufteilen und gegeneinander singen. Ab dem 7. Jahrhundert hat sich dann der gregorianische Gesang entwickelt, dessen Texte zu einem großen Teil aus Psalmversen bestehen.

Wenn auch die Melodien und Rhythmen aus der Entstehungszeit der Psalmen vor rund 3000 Jahren nicht erhalten sind: Die Psalmtexte mit ihrer poetischen, ausdrucksstarken Bildsprache haben durch die Jahrhunderte zu stets neuen Vertonungen eingeladen. Schier unendlich ist die Zahl der Kompositionen, die sich um Psalmverse ranken und das ganze Spektrum ihrer Stimmungen – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt – zum Klingen bringen: Hymnen auf Gott in seiner Größe und Güte, Danklieder für die Schöpfung in ihrer Pracht, bittere Klagelieder bei Krankheit, Not oder Bedrohung.

Das bekannteste Lied Martin Luthers etwa, „Ein feste Burg ist unser Gott“, basiert auf Psalm 46. Johann Sebastian Bach hat etliche Psalmverse vertont, etwa: „Lobe den Herrn, meine Seele“ (Psalm 103; BWV 69a), „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz“ (Psalm 139; BWV 136), „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (Psalm 25; BWV 150). Berühmt sind auch die tröstlichen Klänge des Chorals „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ (Psalm 84) aus Johannes Brahms‘ „Deutschem Requiem“. Besonders viele Psalmkompositionen hat Felix Mendelssohn-Bartholdy geschaffen. Er hat die kraftvolle Sprache der Psalmen mit der bewegenden romantischen Musik des 19. Jahrhunderts verbunden. Wer kennt nicht seinen zauberhaften Satz „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“ (Psalm 91) oder den berückenden Choral „Hebe deine Augen auf zu den Bergen“ (Psalm 121)? Antonin Dvořák hat in seinen „Biblischen Liedern“ (Opus 99) den Bogen über mehrere Psalmen gespannt und in die Musik seine ganz persönliche Klage, Fürbitte, Angst und Zuversicht in beklemmender Situation weit weg von der Heimat gelegt.

Besonders häufig ist Psalm 130 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir (De Profundis)“ vertont worden. Schon im 30-jährigen Krieg, gerade aber auch im 20. Jahrhundert, sind die Verse zum Ausdruck der Not und Verzweiflung der Menschen geworden. Marcel Dupré hat in seiner Komposition die Schrecken des Ersten Weltkrieges verarbeitet, Arthur Honegger hat das „De profundis“ am Ende des Zweiten Weltkriegs als ein Gebet ohne Hoffnung in seiner „Symphonie liturgique“ vertont. Umgekehrt hat auch der vermutlich meist geliebte, weil so ungemein tröstliche Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ Anlass für zahlreiche Kompositionen gegeben: unter anderem von Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz, Alexander Zemlinsky, Antonin Dvořák, Leonard Bernstein und John Rutter. Selbst die Rockmusik entdeckt zuweilen die tiefgründigen Psalmworte als Liedtexte: Die irische Band U2 hat in ihrem Hit „40“ aus dem Jahr 1983 Psalm 40 verarbeitet. Zahlreiche Psalmgesänge finden sich im Evangelischen Gesangbuch und im katholischen Gotteslob, darunter viele Nachdichtungen von Psalmtexten durch den Kirchenlieddichter Paul Gerhardt. Auch in die meditativen Gesänge der Gemeinschaft von Taizé fließen immer wieder Psalmverse ein.

Es scheint so, als liege etwas Magisches in der Verbindung der uralten Psalmworte und den ihnen immer wieder neu zugeeigneten Klängen und Rhythmen. Kein Wunder eigentlich, denn hier fließt eine unter die Haut gehende, mal zärtliche, mal abgründige, mal überschwängliche Sprache zusammen mit Musik, die wie kein anderes Medium die tiefen Seelenschichten des Menschen zu erreichen vermag. Schon 1621 stellte der Oxforder Gelehrte Robert Burton fest: „Viele werden beim Anhören von Musik melancholisch, aber es ist eine lustvolle Melancholie, die so entsteht; und deshalb ist es für Menschen im Zustand von Unzufriedenheit, Schmerz, Angst, Sorge und Niedergeschlagenheit ein sehr probates Heilmittel: Es vertreibt den Kummer, wandelt den betrübten Geist und hilft im Augenblick.“ Auch die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass Musik, die man mag, helfen kann, sich weniger ängstlich zu fühlen. Wie viel mehr Trost und Ermutigung liegen also im „Doppelpack“ von beflügelnder Musik und ergreifenden Worten!

Und schließlich sind die Psalmgesänge, Choräle oder Popsongs auf der Grundlage von Psalmtexten auch in anderer Hinsicht wahre Türöffner: Menschen auf spiritueller Suche brauchen Anregungen auf allen Sinneskanälen. Jemand mag sich Gott überwiegend denkend nähern und dabei an unüberwindliche Grenzen stoßen – und dann auf einmal in Musik und Poesie spirituelle Erfahrungen machen, die ihm den Himmel aufschließen.

Wenn ich im Zug reise, habe ich meist meinen MP3-Player dabei. Um dem Lärm zu entgehen, stülpe ich mir dann den Kopfhörer über und klicke mich durch die Musiktitel. Fast unweigerlich lande ich am Ende bei meiner Lieblingspsalmvertonung: Psalm 42 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. In erst verhaltenem, dann sehnsuchtsvoll anschwellendem und schließlich getröstet abklingendem Gesang spürt der Chor den Psalmversen nach: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele nach dir.“ Das Bild drückt wie kaum ein anderes meine Sehnsucht nach Gott in schwierigen Zeiten aus, und die Musik öffnet bisweilen den Kanal, um verloren geglaubte Hoffnung und Zuversicht wieder einzulassen.

Text: Veronika Kabis

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