Zuflucht

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Als in der Höhle ein Johannisbrotbaum wuchs

Bei Gott finden wir immer Zuflucht und Trost, egal in welcher Situation. Wie es literarisch-schön heißt in Psalm 91, Vers 4: „Er wird dich mit Seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter Seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild.“ Allen äußeren Gefahren oder Anfeindungen zum Trotz wird Gott für uns da sein und uns Zuflucht geben. Seine Wahrheit wird dann ein allumfassender Schutz für uns sein, wenn wir uns daran orientieren, denn an Gottes Wahrheit kommt letztendlich keiner vorbei, egal wie sehr diese Wahrheit vielleicht manchmal ignoriert oder sogar bekämpft wird.

Bei Zuflucht geht es aber natürlich immer auch um Flucht im wortwörtlichen Sinne. Als König David beispielsweise vor seinen Widersachern fliehen musste, da schrieb „Ich aber will von Deiner Macht singen und des Morgens rühmen Deine Güte, denn Du bist mir Schutz und Zuflucht in meiner Not.“ (Psalm 59,17) David kam noch einmal gerade so mit seinem Leben davon und am nächsten Morgen sang er dann dieses Loblied auf Gott, der ihn hat überleben lassen.

Viele Menschen sind auf der Flucht und konnten nur gerade so dem Tod entrinnen. Gerade jetzt in einer Zeit, in der hunderttausende zu uns kommen, um vor Krieg, Tod und Verfolgung zu fliehen, müssen wir uns immer wieder daran erinnern, was die Bibel dazu sagt. Wir Juden kennen Flucht, Vertreibung und Todesangst. Wir wissen auch wie es ist, wenn Länder ihre Tore schließen. Allein im 20. Jahrhundert gibt es so viele Beispiele – unter anderem die bittere Erfahrung der gescheiterten Evian-Konferenz von 1938. Golda Meir, später Ministerpräsidentin Israels sagte nach ihrer Teilnahme an der Konferenz: „Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. […] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?“

Zuflucht ist aber immer auch mehr als nur Asyl gewähren oder den Fremden zu dulden. Wir müssen die Fremden und Schwachen in unsere Gesellschaft integrieren, ihnen echte Chancen und Teilhabe geben. Wie es im Psalm 146, Vers 9, heißt: „Der Ewige behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen.“ Oder besser noch, bezugnehmend auf die hebräische Wortwurzel: „Er stärkt Waisen und Witwen.“ Das heißt, Gott nimmt sich den Schwachen und den Verfolgten an und kümmert sich um sie – und noch mehr, er stärkt ihre schwache Position und erhöht sie.

Die vielleicht berühmteste Fluchtgeschichte in der rabbinischen Tradition findet sich im Talmud (Traktat Schabbat 33b): Rabbi Schimon bar Jochai lebte als großer Gelehrter zur Zeit der Römer. Als diese das Studium der Torah verboten, ignorierte Rabbi Schimon das und wurde folglich von den Römern zum Tode verurteilt. Daher versteckte er sich zusammen mit seinem Sohn Elasar in einer Höhle. Sie hatten nichts zu essen dabei, aber es geschah ein Wunder und in der Höhle wuchs ein Johannisbrotbaum, und eine Wasserquelle tat sich auf. Den ganzen Tag lernten sie Torah.

Nach zwölf Jahren erschien ihnen der Prophet Elija und verkündete, dass der römische Kaiser gestorben und damit das Todesurteil gegen Rabbi Schimon aufgehoben war. Rabbi Schimon und sein Sohn verließen ihr Versteck. Beide wurden die größten Torahgelehrten ihrer Zeit. Am Tag, als Rabbiner Schimon starb – so erklärt es die jüdische Mystik – lag er auf der rechten Seite und lächelte.

Normalerweise ist ein Todestag eine traurige Angelegenheit, aber an Rabbi Schimons Jahrzeit wird gefeiert, denn er starb mit einem Lächeln. Der Grund ist, dass er eigentlich hätte schon längst sterben sollen, aber durch die Zuflucht in der Höhle und die Wunder Gottes konnte er das machen, was die Römer eigentlich verhindern wollten: Er konnte Torah lernen und nach dem Tod des Kaisers dieses Wissen weitergeben an die künftigen Generationen von jüdischen Gelehrten. Letztendlich also starb der Kaiser, der Schlechtes wollte, und nicht der Rabbiner, der Gott diente.

Text: Rabbi Jehoschua Ahrens

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