Wahrheit

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Beim Gebet des Schma

Im Psalm 57 muss König David seinen Tod befürchten. Er hat sich in einer Höhle versteckt, auf der Flucht vor König Saul. Es ist eine dramatische Situation und doch wird sein Flehen und sein Bitten im Laufe des Psalms zu einer Hymne des Dankes und der Zuversicht. Im Zentrum König Davids Hoffnung steht die Wahrheit. Wie an anderen Stellen in den Psalmen ist auch hier klar, dass einem nichts passieren kann, solange man sich von der Wahrheit Gottes leiten lässt. Wenn wir Wahrheit üben, so wie Gott das macht, kann uns niemand etwas anhaben. So steht es auch im Gebet „Gelobt sei der Name des Herrn der Welt“, das wir Juden jedes Mal sagen vor der Lesung aus der Torah, den Büchern Moses. Der Gott des Himmels ist also ein Gott der Wahrheit, dessen Lehre wahr ist, dessen Propheten wahr sind, und der reichlich Güte und Wahrheit übt. Ich kann mich also auf Gott verlassen, wenn ich selbst der Wahrheit verpflichtet bin, auch wenn ich von anderen Menschen dafür angegriffen werde.

Nach jüdischer Tradition (Mischna Pirke Awot 1,18) ist die Wahrheit eine der Säulen, auf der die Welt steht, denn die Grundlage alles Guten besteht darin, dass einer dem anderen nicht belügt. Ohne Wahrheit gäbe es kein Vertrauen und jede zwischenmenschliche Beziehung wäre unmöglich. Daher weist uns Gott an (Moses II 23,7): „Halte dich fern von jeder Unwahrheit.“ Es heißt „halte dich fern“, und nicht „schütze dich vor“ Unwahrheit. Denn das soll zeigen, wie sehr wir uns aktiv von jeglicher Falschheit distanzieren und – bildlich gesprochen – davor flüchten müssen. Die Wahrheit, die wir sprechen, muss auch ehrlich gemeint sein, so wie es in Psalm 15, Vers 1 und 2 steht: „Ein Psalm Davids. Herr, wer wird sich aufhalten in Deiner Hütte? Wer wird verweilen auf Deinem Heiligen Berg? Wer in Unschuld wandelt und Gerechtigkeit übt und die Wahrheit redet in seinem Herzen.“ Raschi (Rabbiner Schlomo Jizchaki, ein großer deutsch-französischer Gelehrter des Mittelalters) erklärt in seinem Kommentar: die „Wahrheit in seinem Herzen reden“ bedeute, dass man all das Gute, das man sagt, auch so meint, also kein Heuchler ist.
Wichtig ist hier, wie auch in Psalm 43, die messianische Konnotation: „Sende Dein Licht und Deine Wahrheit“ meint natürlich auch: Schicke den gesalbten Messias, der Licht und Wahrheit ist. So heißt es beispielsweise beim Propheten Jesaja (16,5): „Und ein Thron wird in Gnaden errichtet; und er [der Messias] wird auf ihm sitzen in Wahrheit.“

Die Wahrheit ist also der Schlüssel zur messianischen Erlösung und zu Gott selbst. Oder wie es der Talmud (in Traktat Schabbat 55a) ausdrückt: „Der Abdruck des Heiligen, gesegnet sei Sein Name, ist die Wahrheit.“ Sie ist wie ein Stempel Gottes in unserer Welt. Jerusalem wird dann die „Stadt der Wahrheit“ sein (Sacharja 8,3).

Die rabbinische Literatur bringt viele Beispiele, wie wir auch im alltäglichen Leben Wahrheit üben sollen. Ich möchte eins davon erwähnen. Rav Safra, ein großer Talmudgelehrter, der Ende des dritten, Anfang des vierten Jahrhundert in Babylon lebte, war bekannt für seine Ehrlichkeit. Über ihn ist folgende Geschichte überliefert (im Raschi-Kommentar zum Talmud, Traktat Makkot 24a): Rav Safra versuchte einen bestimmten Artikel zu verkaufen. Da kam eine Person mit Kaufinteresse, allerdings genau in dem Moment, in dem Rav Safra das Schma-Gebet („Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“; eine Art jüdisches Glaubensbekenntnis und eines der wichtigsten Gebete, das man nicht unterbrechen soll, wenn man es begonnen hat) rezitierte, und sagte: „Gib mir den Artikel für soundso viel.“ Rav Safra antwortete nicht, weil er mitten im Beten des Schma war. Der Käufer deutete das Ignorieren so, dass Rav Safra wohl nicht bereit war, den Artikel zu diesem Preis zu verkaufen, und er bot einen höheren Preis. Nachdem er fertig gebetet hatte, sagte Rav Safra zu dem Käufer: „Nimm es für den Preis, den du zuerst genannt hattest, denn ich hatte die Absicht, es dir schon zu diesem Preis zu geben.“

Text: Rabbi Jehoschua Ahrens

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