Sünde

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Sünde

Sünde

Entfernt von Gott

„Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.“ (Psalm 51,4-5)

Diese Bitte stammt aus einem Psalm, den schon der Kirchenvater Augustin zu den „sieben Bußpsalmen“ (Psalmen 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143) rechnete. Typisch evangelisch, könnte man beim Lesen der Zeilen denken, die sich gleich vierfach zur eigenen Schuld bekennen. Jedenfalls wird den Protestanten traditionell ein tiefes, vielleicht auch übersteigertes Sündenbewusstsein attestiert. Die Überschrift von Psalm 51 „Gott, sei mir Sünder gnädig“ schwört nicht zuletzt das Bild des auf die Knie gesunkenen, stammelnden, künftigen Reformators Martin Luther als Mönch herauf, der gerade einen Tropfen Messwein verschüttet hat und überzeugt ist, Gott mit diesem Versehen erzürnt zu haben – wie in vielen Biografien über Luther überliefert. Demnach klopft sich der „Sünder“ Martin Luther auf die eigene Brust, ruft „mea culpa!“ und ringt dann mit ausgestreckten Armen um Gottes Gnade. Er weiß, dass die Selbsterkenntnis eine Voraussetzung dafür ist, und diese sieht jeden Menschen in einer rettungslosen Verstrickung mit Schuld und Fehlern.

Heute ist dieses wenig schmeichelhafte Menschenbild auch für Protestanten nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar. Es provoziert auch theologischen Widerspruch, vor allem aber den Protest von Psychologen. Behauptungen wie die, dass ein geängstigtes Herz Gott gefalle (Vers 19), drohen zum entscheidenden Schritt zu Machtmissbrauch oder Neurosen zu werden.

Was mag der Beter des Psalms nur Schlimmes verbrochen haben?, fragt man sich unwillkürlich. Welches Gesetz hat er übertreten, gegen welche Vorschrift verstoßen, dass er Gott so eindringlich um Vergebung anflehen muss?

In den Psalmen werden konkrete Verbrechen, die hinter jener „Sünde und Missetat“ stehen, nur selten benannt. Meist ist nicht die Verfehlung eines einzelnen Beters gemeint, sondern die Schuld, die das Volk auf sich lasten spürt. Die Sünde hat also etwas Strukturelles, etwas Überindividuelles, etwas Allgemeines, das weit über einen einzelnen Fehlgriff oder den bösen, unbeherrschten Gedanken eines Einzelnen hinausgeht. Sie zeichnet eine kollektive, geschichtliche Entwicklungslinie als Entfernung von Gott nach. Diese mündet schließlich in die Idee, dass die Sünde des Volkes nur durch das stellvertretende Leiden eines gerechten „Gottesknechts“ getilgt werden könne (vgl. Jes 53,5). Ein einzelner Mensch kann vor Gott eine ganze Menschengruppe repräsentieren, aber auch umgekehrt: Eine Volksmenge kann sich die Worte eines einzelnen Beters zu eigen machen und seine Situation in einer neuen Zeit als Bußmittel, als Gebetsformular aktualisieren.

Genau das geschieht mit dem Bekenntnis von Psalm 51. Er liefert mit dem Wort „Blutschuld“ (Vers 16) ein Stichwort, das die Fantasie anregt und unmittelbar in die Situation der Überschrift hinein führt. Als reuiger Sünder und Büßer wird in der Überschrift David angeführt. Die Gemeinde, die den Psalm in (nach)exilischer Zeit sang, sah sich in Davids Spuren auf einem reuevollen Weg, an dessen Ende ihr dennoch die „Reinigung“ (Vers 9) von aller Schuld winkte. David war vom Propheten Nathan des Ehebruchs, des Auftragsmords und des Machtmissbrauchs überführt worden (vgl. 2Sam 11f). Gab es überhaupt etwas Schlimmeres? Konnte ein dermaßen besudelter, von Schuld bedrückter Mensch je auf einen Neubeginn hoffen?

Die Sünde ist in den Psalmen keine Sackgasse. David hatte sich, ein positives Beispiel gebend, zu der bitteren Wahrheit seiner Bathseba-Affaire bekannt und schließlich von Gott Vergebung erlangt. Diese Gebetsstrategie verfolgt nun auch die Gemeinde: „HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs, der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk, und alle seine Sünde bedeckt hast … hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!“ (Psalm 65,2-5).

Darauf hoffen auch die Betenden von Psalm 51. Die Erfüllung ihres Traums verbinden sie mit dem Wiederaufbau Jerusalems und der Erneuerung der Opferpraxis auf dem verlorenen Zionsbergs (Vers 20ff). Aber das Opfer ist hier nicht als Bußmittel, sondern eher als Zeichen der Dankbarkeit zu verstehen (Vers 17f). Mit ihm wollen die Menschen einem barmherzigen Gott antworten, der selbst die Initiative ergriffen und ein Herz rein gewaschen hat (Vers 7), das sich in seiner Schuld verstrickt und – wie Luther es ausgedrückt hätte – gewunden und in sich selbst verkrümmt hatte. Der Horizont ist gelichtet. Allen ProtestantInnen, die gebückt und mit tief gesenkten Köpfen durchs Leben schleichen, überhaupt allen, die sich ständig von ihrem schlechten Gewissen beißen und lähmen lassen, tut diese Erinnerung an Gott, den Befreier, gut.

Text: Susanne Krahe

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