Prüfung

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Wenn der Glaube schwindet

Die Frage, ob es überhaupt einen Gott gibt, klingt nach einem modernen Problem. Gewöhnlich wird es nur der Neuzeit zugetraut, und mit den verschiedenen philosophischen Versuchen in Verbindung gebracht, die Existenz eines überirdischen Wesens zu beweisen, oder als menschliche Wunschvorstellung zu deuten. Eine Diskussion des theoretischen Atheismus ist in den Psalmen nicht zu erwarten. Doch schon Psalm 53 spiegelt zwei praktische, unversöhnliche Positionen in der Gottesfrage wider. Während die einen ein Wirken Gottes rundheraus bestreiten (Psalm 53,2), halten andere die Gottessuche nicht nur für legitim, sondern auch für klug. Erstere, von den Verfassern als „Toren“ und „Frevler“ abqualifiziert (Psalm 53,2), sehen über sich nur einen leeren Himmel. „Es ist kein Gott!“, denken sie. Und wenn niemand Haltungen und Handlungen der Menschen überwacht, dann könne auch niemand sie zur Rechenschaft ziehen. Vermeintlich unbeobachtet und straffrei in ihrem Tun, lassen sie sich nicht mehr zu sozialem Verhalten motivieren, geschweige denn zum Gebet. Die andere Gruppe, wahrscheinlich die Minderheit im Volk, hält an dem Bekenntnis fest, dass Gott immer noch den Himmel bewohnt, dass er von oben herab auf die Menschheit blickt und ihre Gedanken und Taten kontrolliert.

Eine uralte Vorstellung wird wachgerufen: Wie ein König thront JHWH über den Wolken (vgl. Psalmen 2,4; 11,4; 14,2; 33,13; 102,20; 113,4f) und behält den Überblick über alles, was sich in seinem Herrschaftsgebiet abspielt (vgl. auch Psalm 33,13-15). Israels Gott ist ein Souverän mit Tiefblick. Kann sein, dass er nicht sofort reagiert, wenn sein Volk sich von ihm abwendet, aber er sieht mehr als ein weltlicher König. Er ist in der Lage, Herzen und Nieren zu prüfen (Psalm 7,10), also auch das, was im Inneren der Menschen vorgeht. Deshalb entgehen ihm weder die dummen Gedanken der Erdbewohner, noch ihre frechen Bemerkungen, noch ihre bösen Taten. Als Schöpfer hat er die Menschen höchst eigenhändig mit Sinn und Verstand ausgestattet (Psalm 94,7-10); wie sollten ihm deren moralische und spirituelle Ignoranz verborgen bleiben?

In dieser Logik spielen nicht die Frommen, sondern die „kritischen“ Gottesleugner die Rolle der Dummen. Klug dagegen ist, wer sich an die alten Gewissheiten erinnert. Zugleich könnte das wachsame Gottesauge, das vom Himmel bis ins Gewissen der Menschen dringt, etwas Bedrohliches an sich haben. Doch diese Drohung müssen nur die „Frevler“ fürchten. Wer wie etwa der Beter des 139. Psalms darauf vertraut, dass Gott nicht aus Kontrollsucht, sondern aus Liebe von allen Seiten umfasst, braucht keine Angst vor der Erforschung seiner Gedanken und Gefühle zu haben.

In welcher Situation musste die betende Gemeinde sich der bleibenden Wirksamkeit ihres Gottes derart nachdrücklich versichern? Psalm 53 gibt selbst die entscheidenden Hinweise, indem er die „Übeltäter“ näher beschreibt. Sie „fressen“ das Gottesvolk (vgl. Jes 9,11; Jes 9,19; Jer 5,17) und bedrängen es. Es ist die verzweifelte, scheinbar gottverlassene Lage Israels in der Exilzeit. Die hämische Frage „Wo ist nun dein Gott?“ mussten sich von Gegnern verfolgte und von Freunden verlassene Psalmbeter vermutlich immer schon gefallen lassen (vgl. Psalm 42,3). Nach der Einnahme Jerusalems und der Brandschatzung des Tempels, nach der Ermordung der letzten Könige und der Deportation der jüdischen Oberschichten nach Babylon gewann diese Frage an politischer Bedeutung.

Ein Volk ohne Tempel, ohne Land, ohne König musste selbst an seiner Erwählung, aber auch an den Fähigkeiten des Gottes zweifeln, der es angeblich erwählt hatte. „Es gibt diesen Gott nicht!“, schien die einzig logische Konsequenz. Bei den Feinden wurde jeder Verlierer zum Gespött, der die Wirksamkeit seines Gottes trotz der Niederlage behauptete. „Wo ist denn nun ihr/euer Gott?“ (Psalmen 79,10; 115,2) höhnten sie, weil sie die militärische Niederlage mit der Besiegung JHWHs gleichsetzten. Für die Gläubigen waren solche Provokationen die zweite Art der „Prüfung“, von der in den Psalmen die Rede ist. Gemeint ist eine Glaubensprobe, wie auch der fromme Hiob sie von Gott selbst zugemutet bekommt (vgl. Hi 1f). Manche Psalmbeter vermuteten sogar hinter den Schikanen, die ihnen die Sieger bereiteten, gar nicht deren eigene Initiative, sondern einen tieferen Geschichtsplan JHWHs, der die Verzweifelten letztlich durch alle Not hindurch zu einer Wende führen wollte (Psalmen 53,8; 66,10-12). Israels Gott existierte also! Das will Psalm 53 bekennen, und zu diesem Bekenntnis will er einladen. Israels Gott existiert wider allem Augenschein und jenseits des Offensichtlichen in seiner eigenen, unbegrenzten Dimension. JHWHs Wohnsitz im Himmel bedeutet nicht, dass er sich ins Unerreichbare und Unerfahrbare zurückgezogen hat, sondern dass ihm noch ganz andere Mittel zur Verfügung standen, als den irdischen Königen und Bedrückern. „Unser Gott ist im Himmel. Er kann schaffen, was er will.“ (Psalm 115,3)

Text: Susanne Krahe

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