Lob

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Lob

Teil einer lebendigen Beziehung

„Lobpreisungen“ (Tehillim) heißt das Buch der Psalmen auf Hebräisch. Es bezeugt unterschiedliche Weisen, Gott zu loben. DANKLIEDER eines oder einer Einzelnen (z.B. Psalmen 30; 40,2-12) blicken auf die Überwindung der Not zurück, loben Gott für die erfahrene Rettung und fordern die Gemeinde auf, sich dem Gotteslob anzuschließen (Psalm 35,18). Kollektive LOBPSALMEN (z.B. Psalmen 100; 104; 150) haben ihren Ort im Gottesdienst am Tempel. Die Sängerinnen und Sänger fordern sich selbst und andere zum Gotteslob auf und rufen einander die wunderbaren Taten Gottes in Erinnerung (Psalmen 66,5; 99,3). Das gemeinschaftliche Gotteslob lässt eine Sphäre des Lobens entstehen, zu der Freude, Opfer, Essen und Trinken, Tanz, Musik und Gesang gehören (Dtn 14,26; 1 Chr 12,41; Neh 12,43). Viele Lobpsalmen preisen den Tempel, an dem diese lebendigen Feste stattfinden, als wunderschönen, heiligen Ort (z.B. Psalmen 84; 24,7; 93,5). Das kultische Gotteslob ist kein spontaner Ausdruck von Freude – vielmehr gilt: Loben macht fröhlich. Aus Einzelnen wird eine feiernde Gemeinschaft, aus Rede Gesang, aus Bewegung Tanz und aus Essen ein Festmahl. Das Loben der Gottheit lässt die Beterinnen und Beter ihr eigenes Leben in Fülle erleben.

Menschen, die sichtbare Trauerriten vollziehen – zerrissene Kleidung tragen, Ritzmale auf der Haut haben oder geschorene Haare (2 Sam 1,11f; Jer 41,5) –, nehmen nicht an den Festen teil, um die Freude der anderen nicht zu trüben, und, rituell gesprochen, die Sphäre der Freude nicht zu verletzen. Aber auch sie können sich Worte des Psalters leihen: KLAGELIEDER des oder der Einzelnen (z.B. Psalmen 6; 13; 69) fassen die Not in Worte und bringen sie vor Gott. Diese Psalmen bleiben nicht bei der Klage stehen, sondern führen über die Bitte um Gottes Eingreifen und das Vertrauensbekenntnis der Betenden zurück zum Lob: „Ich will den Namen Gottes preisen im Lied, will ihn groß machen mit Lobgesang“ (Psalm 69,31). Indem die Klagepsalmen dem Unaussprechlichen Worte geben, setzen sie einen Gebetsprozess in Gang, der die betende Person aus der Gottesferne wieder in die Gemeinschaft Israels zurückbringt, die ihre Gottheit lobt. Diesen Weg beschreitet auch das Buch der Psalmen: Das erste Buch (Psalm 1-41) enthält vor allem Klagepsalmen, während im fünften Buch Lobpsalmen vorherrschen (Psalmen 107-150). Der Psalter endet mit einem vielfachen Halleluja (Psalmen 146-150).

Gotteslob verändert nicht nur die Lobenden, sondern auch die Gottheit selbst: Loblieder machen den göttlichen Namen groß (Psalm 69,13); und die Gottheit lässt sich von den Lobgesängen Israels tragen (Psalm 22,4). In manchen Klagepsalmen versuchen die Beterinnen und Beter, die göttliche Freude an Lobgesängen für ihr Anliegen zu nutzen: „Kehre um, GOTT, rette mein Leben, hilf mir um deiner Gnade willen. Denn im Tod gedenkt man deiner nicht, im Schattenreich – wer lobsingt dir dort?“ (Psalm 6,5.6). Gotteslob ist Ausdruck einer Wechselbeziehung zwischen den lobenden Menschen und der gelobten Gottheit. Die lobenden Menschen erfahren den göttlichen Segen (Psalm 134,3) als Lebensfülle, Schutz und Befreiung und geben ihn ihrerseits an die Gottheit zurück: „Gesegnet sei Adonaj Tag für Tag, uns trägt die Gottheit unserer Befreiung“ (Psalm 68,20, so die wörtlichere Übersetzung des Verses). Die Lobgesänge im Psalter fordern ihre Leserinnen und Leser auf, in das Gotteslob einzustimmen und selbst ein Teil dieser lebendigen Beziehung zu werden.

Text: Michaela Geiger

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