Jerusalem

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Jerusalem

Jerusalem

Stadt der Hoffnung

Jebus, Schalem, Zion, Hierosolyma, Aelia Capitolina, al-Quds (arab. „die Heilige“) – die Stadt, die wir als Jerusalem kennen, hat viele Namen und ebenso vielschichtig ist ihre Bedeutung. In der hebräischen Bibel wird von „Zion“ gesprochen, wenn es um den Berg geht, auf dem das Heiligtum – der Tempel – errichtet wurde, oder wenn die Heiligkeit der Stadt in den Mittelpunkt gerückt werden soll. In den drei monotheistischen Religionen steht „Jerusalem“ für den Ort der Schöpfung und der verhinderten Opferung Isaaks; im Judentum hat die Stadt größte Bedeutung als Ort des ersten und zweiten Tempels, im Christentum als Stätte der Kreuzigung und Auferstehung Jesu und im Islam als Ausgangspunkt der Himmelfahrt Muhammads.

Im antiken Israel und generell im Alten Orient war eine befestigte Stadt mehr als eine größere Ansammlung von Gebäuden, in denen Menschen lebten und alltäglichen Tätigkeiten nachgingen. Menschen außerhalb ihrer Grenzen waren – besonders in der Dunkelheit – wilden Tieren, plötzlichen Überfällen und kriegerischen Angriffen ausgesetzt. Die wüste Umgebung, das Meer, die Steppe, waren unkontrollierbar und bedrohlich. Es ist darum nicht verwunderlich, dass die Städte als Zentren der Zivilisation auch ins Zentrum des Weltbilds rückten. An diesen Orten suchten die Menschen Schutz, hier etablierten sich eine Rechtsprechung und ein Tempelkult.

Viele Psalmen sprechen von der Freude, die der Beter oder die Beterin bei der Pilgerreise zum Zion empfindet. Sie erbeten Heil und Ruhe für die Stadt (z.B. Psalm 122). Sie loben die Türme und Wälle Jerusalems und sehen ihre ehrfurchtgebietende Befestigung als Zeichen für die Ewigkeit Gottes (Psalm 48), der den Ort als Wohnung seines Namens erwählt hat (vgl. z.B. Neh 1,9). Die Wohnung seines Namens, das heißt, hier konnten die Menschen Gott anrufen und von hier erhofften sie sich Rettung. Zugleich ist es nicht nur ein Ort der Präsenz, sondern Jerusalem steht im Alten Testament auch für die Gemeinschaft der Menschen, die hier leben; im Idealfall eine Gemeinschaft, in der Gerechtigkeit und Solidarität zum Ausdruck kommen. Darum sind die Erfahrungen von Gewalt und Zerstörung für die Menschen dort besonders schwer zu verstehen. Psalm 74 spricht eindrücklich von der Fassungslosigkeit in Anbetracht des in Trümmern liegenden Tempels.

Nun gab es viele Städte im Orient, die einen Tempel besaßen und den Menschen Schutz boten. Wie lässt es sich erklären, dass die besondere Bedeutung Jerusalems durch die Geschichte zahlreicher Zerstörungen hindurch Bestand hatte, während militärisch und kulturell weit überlegene Städte wie Babylon zusammen mit ihren Großmächten untergingen? Es gibt viele mögliche Gründe. Ich denke, es liegt vor allem daran, dass Jerusalem nicht nur eine real existierende Stadt ist, deren Bewohnerinnen und Bewohner für ihren Erhalt sorgten, sondern immer auch ein Ort war, auf den sich in ganz besonderer Weise die Hoffnung derer richtete, die gerade nicht in ihr leben konnten oder durften. Psalm 137 spricht davon, wie selbst am entferntesten feindlichsten Ort der Zion der Bezugspunkt bleibt, auf den sich Hoffnung und Freude richten, und dass ein Vergessen seiner Bedeutung dem Verlust der eigenen rechten Hand gleichkomme. Die Psalmbetenden vertrauen auf das Versprechen, das Gott seinem Volk gegeben hat. So wie der Bund zwischen Gott und den Menschen nicht aufgelöst wird, wird auch die Bedeutung Jerusalems und Zions, die Hoffnung auf Schutz, eine solidarische Gemeinschaft und auf Gottesnähe nicht zerstört.

Die Propheten (z.B. Jes 65,17ff.) und später die Offenbarung des Johannes (Offb 22,2) sprechen von einem neuen, einem himmlischen Jerusalem, das zum Wallfahrtsort aller Völker wird und in dem das Ideal einer gerechten Gesellschaft und der unmittelbaren Präsenz Gottes verwirklicht ist – eine Hoffnung, die auch im Exil lebendig sein kann und die eigentlich keinen konkreten Ort auf der Welt mehr braucht.

Der realen Stadt brachte diese Hoffnungen allerdings nicht nur Gutes. Die Symbolkraft, die sie für das Judentum, für das Christentum und den Islam besitzt, und der Anspruch, in ihr zu herrschen, führten dazu, dass die Stadt immer wieder mit Krieg überzogen und gewaltsam eingenommen wurde. Immer wieder wurden Menschen vertrieben und immer blieb die Hoffnung, eines Tages zurückzukehren.

Jerusalem bleibt vielschichtig. Die Stadt ist auch heute von gewaltsamen Auseinandersetzungen um Vorherrschaft und Gerechtigkeit geprägt, von Vertreibung und von Kämpfen um die Nähe zum Heiligen. Zugleich wird sie als Hoffnungsort nicht aufgegeben.

Text: Lisa Sedlmayr, Bethlehem

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