Geborgenheit

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Geborgenheit

Geborgenheit

Ein vertrauter Klang

Geborgen-Sein.

Was für ein Gefühl! Ganz Sein – einfach nur das!

Geborgenheit – ein Sehnsuchtsort. Ein vertrauter Klang. Ein Geruch, eine Farbe, ein Geschmack …

Wenn Sie die Augen schließen – was taucht auf? Wo tauchen Sie hinein?

Menschen, die Geborgenheit erfahren haben, erzählen konkrete Situationen und beschreiben ihre Gefühle in Sprachbildern.
„Immer, wenn ich zur Chemotherapie ging, nahm ich meine alte, wollene Campingjacke mit und legte sie mir um die Schultern. Das hat mir geholfen, mich geborgen“, erzählte eine Frau. Andere offenbaren: „Nach einer anstrengenden Auslandsreise kam ich nach Hause. Da war der Küchentisch gedeckt, und es roch unverkennbar nach meinem Lieblingsessen.“ – „Ich hatte einen bösen Traum: Mein Partner weckte mich, nahm mich in den Arm und sagte nur: ‚Es ist alles gut. Du bist sicher.’“ – „Geborgensein ist warm, im Schoß liegen, und du musst nichts tun.“

Hingabe, tiefes Vertrauen, Sicherheit, Schutz, Zuflucht – all dies liegt in dem deutschen Wort „Geborgenheit“.

Psalm 4, in der Lutherbibel mit „Ein Abendgebet“ überschrieben und in großer Gefahr gebetet, endet in Vers 9 mit: „Ich liege und schlafe ganz in Frieden, denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“

Der katholische Alttestamentler Erich Zenger hat den Vers so übersetzt: „… in Geborgenheit läßt du mich wohnen“ und dazu geschrieben: „Als Kompletpsalm … ist Psalm 4 ein Vertrauensgebet geworden, dessen Schluß nicht nur die erhoffte Nachtruhe erbittet, sondern die ‚ewige Ruhe’ in der Geborgenheit Gottes …“ (s. Anm. 1 unten)

Geborgensein in Gott kann ein Moment sein, der aufleuchtet in dunkler Zeit. Der mich ausatmen lässt und mir Stärkung im angefochtenen Unterwegs gibt: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ (Psalm 23). Es kann eine Erinnerung an vergangene Bewahrung sein, die durchträgt. Wenn alles verloren geht, mein eigenes Vermögen, die Hilfe durch Andere, dann rette ich mich nur noch in Gottes Gnade und Treue. Dann brauche ich Trostworte wie die des 139. Psalms: „Gott wird dich mit seinen Fittichen decken und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln …“ Und ich höre Mendelssohns Doppel-Quartett im Ohr: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten …“

So werden mir die Psalmen selbst Zufluchtsort, Herzensgebet, Heimat und Zuhause. „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott“, so singen Pilgernde an der Pforte eines Gotteshauses mit Psalm 84. Hans-Joachim Kraus sieht in den nistenden Vögeln im Heiligtum „ein Symbol für das Glück des Schutzes und der ständigen Geborgenheit im Bereich der Gottesnähe“ (s. Anm. 2 unten). Seit alters her bis heute sind Gotteshäuser Asylorte für Menschen ohne Schutz, für Geflohene, Heimatlose und Verfolgte.

Psalmen wie prophetische und weisheitliche Texte der Bibel warnen aber auch vor falschen Sicherheiten und scheinbarer Geborgenheit. So etwa bei Jeremia 7,10 oder Hiob 8,13f, wenn das Vertrauen auf die eigene Leistung maßlos wird und Gott oder die Rechtsprechung vergessen und ersetzt sind durch Götzen und Ungerechtigkeit. Hören wir noch das verzweifelte Beten und Rufen Jesu von Nazareth, sterbend am Kreuz? „Sei nicht ferne von mir, Gott, denn Angst ist nahe, denn es ist hier kein Helfer“ (Psalm 22,12). Der Christus Gottes selbst ist angewiesen auf Hilfe. Er empfindet haltloses Ausgeliefertsein und ebenso Gottes fernes Schweigen. Einmal hat er ursprüngliches Geborgensein geschenkt bekommen („Du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter“ (Psalm 22,10)). Nun erinnert er sich und Gott daran: „Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an; du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an!“ (Psalm 22,11).

Damit Menschen und Tiere im „Welthaus“ Geborgenheit finden, braucht es Gottesnähe und Menschen, die der Gerechtigkeit aufhelfen. Die Flüchtlinge aus dem Meer bergen, Präventionsmaßnahmen gegen Missbrauch und Gewalt ergreifen, Schutzräume ermöglichen. Menschen also, die aus eigenen Sicherheiten aufbrechen und sich selbst riskieren, damit Vertrauen ins Leben mit Gottes Hilfe wachsen kann.

Text: Bärbel Krah

Anmerkungen:

(1) Erich Zenger: Ich will die Morgenröte wecken. Psalmenauslegungen 2, Neuausgabe 1994, 2. Auflage Freiburg im Breisgau, S. 235.

(2) Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband, Psalmen 60-150, in: Biblischer Kommentar Altes Testament, hrsg. von S. Herrmann und H. W. Wolff, Bd XV/2, S.749.

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