Psalm 23

Kommentare 0
Allgemein

Ein Hoffnungslied für Geflüchtete im Asyl

von Heiner Süselbeck, Mallorca

Der 23. Psalm wird in sehr verschiedenen Lebenslagen gebetet. Eine davon ist, dass man ihn als Hoffnungslied geflüchteter Menschen wahrnimmt. Heute möchte ich versuchen, mit dieser Perspektive Psalm 23 auszulegen. Dabei nehme ich die gegenwärtigen Debatten in Europa über die Vielzahl geflüchteter Menschen mit in den Blick. Wenn es zu Anfang in Psalm 23 heißt „Der Herr ist mein Hirte“, um dann Vers 1 zu enden mit „mir w i r d nichts mangeln“, dann ist das „ausgesprochene Hoffnung“. Es heißt zwar im Anschluss von Gott im Präsens er „weidet mich auf einer grünen Aue“ Damit ist jedoch nicht gesagt, dass es dem Geflohenen jetzt im Augenblick an nichts fehlen würde. Selbstbestimmung, Eigentum und ein persönliches Dach über dem Kopf sind für ihn in weiter Ferne. Zwar kann der Geflohene aufatmen. Er genießt Obdach. Er kann essen und trinken – aber wie es weitergehen soll, davon kann er nur im Futur und im Modus der Hoffnung reden.

Geflohene stellen darum an unsere Gemeinden eine Frage. Wer sie verneint und Geflüchteten Aufnahme verweigert, nimmt ihnen die Möglichkeit, aus Hoffnung zu leben. Asylverweigerung ist kurz gesagt Verweigerung des Missionsbefehls. Sie macht nicht Flüchtlinge, sondern Gott zu einem hoffnungslosen Fall. Dabei ist die Gegenwart von Geflüchteten umgekehrt für uns erst recht eine Schule der Hoffnung. Denn mit ihrem tollkühnen „mir w i r d nichts mangeln“ geben Fliehende ein Beispiel dafür, alles auf eine Karte zu setzen und aus Hoffnung zu leben.

Die „rechte Straße“, von der in Vers 3, gesungen wird, ist für Fliehende keine Frage der Moral, sondern des Überlebens. Auf ihren Wegen Menschlichkeit und Aufnahme zu finden, ist eine Frage, mit der für Flüchtende Gott seinen guten Namen behauptet oder verliert. Wer in die Augen von Vätern, Müttern und Kindern von Geflüchteten sieht, spürt, dass sie mit der Gewährung von Asyl Heilung für ihre gejagten und verletzten Seelen benötigen. Wer hier hart bleibt, frevelt. Der Name Gottes würde durch Lieblosigkeit ihnen gegenüber ebenso in den Dreck gezogen wie er auch die Seele und Leben der Fliehenden verletzt. Denn der Weg durch „finstere“ Täler gebiert finstere Menschen.

Es sei denn: Gottes „Stecken und Stab “ vermag zu trösten. Seit langer Zeit gelten die Insignien geistlichen Leitens als Zeichen der Gegenwart Gottes. Der hoch erhobene „Stab“, mit dem eine Bischöfin, eine Pfarrerin oder ein Presbyter vorangehen, signalisiert: Hier gibt es in Gottes Namen Futter für die Seelen, Hoffnung für die Herzen und Schutz für die Bedrängten. Menschen in öffentlicher Verantwortung haben darum die besondere Aufgabe, voranzugehen, um Schutzzonen für Fliehende zu finden und zu markieren. Ihr bischöflicher „Stecken und Stab“, das ist heute die Presse, das ist ein öffentlicher Vernunftgebrauch, der fliehenden Menschen Asyl sichert. Die Ämter, die öffentliche Entscheider heute bekleiden, sie bekommen für Leute, die um ihr Leben laufen, den Rang göttlicher Würde, wenn sie sich mit dem Angebot von Schutz und Aufnahme verbinden. Wer flieht, erkennt in den Maßnahmen einer solchen Öffentlichkeit das Wunder der rettenden Gegenwart Gottes für seinen armen Weg. Er wird zu denen, die für sie Verantwortung tragen, aufschauen und mit Blick auf den Höchsten bekennen: „Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Der folgende Vers 5 in Psalm 23 beschreibt die Hausordnung, unter der jemand in Gottes Namen Asyl genießt.

Punkt 1 lautet: „Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Die Fliehenden sollen erleichtert aufatmen. Selbst, wenn ein aufgebrachter Mob ihnen das Leben zur Hölle werden ließ: Sie dürfen sich jetzt an den gemachten Tisch setzen und Frieden finden.

Punkt 2: „Du salbest mein Haupt mit Öl“ erinnert an die Salbung, mit der Thronprätendenten ihrer königlichen Würde versichert werden. Auch Geflüchtete gelten darum in Gottes Augen als Königskinder. Wenn in seinem Namen Asyl gewährt wird, sitzen die Gäste in der Mitte und nicht am Katzentisch. Der Tag kommt, an dem sie gleichberechtigt für das Wohl und Wehe ihrer Gastgeber von einst mitentscheiden und Verantwortung wahrnehmen werden.

Punkt 3 erinnert mit daran, dass Eichstriche ein Segen sind. Sie sind für Geflohene besonders zu beachten. Bemühungen um die Aufnahme von Geflüchteten scheitern, wenn sie „halbe Sachen“ machen. Gott jedenfalls ist ein guter Gastgeber. „Er schenkt voll ein.“ Lokale, in denen man nicht allen Gästen bis zum Eichstrich die Gläser füllt, verdienen kein Vertrauen. Bei der Versorgung von Geflohenen darf es darum mit Blick auf deren unmittelbaren Bedürfnisse keine Abstriche geben.

Der Gott Abrahams verspricht, dass Gejagte und Verjagte ein Asyl finden, wo sie ihn mit dem Bekenntnis loben: „Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“

Bei der Wendung im 6. Vers „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“ fällt mir peinlicherweise zunächst ein Werbespruch aus der Zeit meiner Kindheit ein: „Wenn einem also Gutes widerfährt, dann ist das einen Asbach Uralt wert.“

Aber so weit hergeholt ist das nicht: Wenn Geflüchtete davon erzählen, wie ihnen „Gutes und Barmherzigkeit“ widerfuhr, dann bedeutet das einen unschätzbaren Wert. Positive Erfahrungen – dazu noch auf der Flucht – sind eine nachhaltige Saat. Fliehende Menschen, die Essen, Trinken, Obdach und eine neue Heimat angeboten bekommen, werden das in ihrem Leben nicht vergessen. Sie spüren: „Ich bin Mensch. Ich besitze um meiner selbst Willen unveräußerliche Rechte. Sie lassen mich geborgen und in Würde leben.“ Wer das in Zeiten der Not mitbekam, kann sagen: „Wenn einem also etwas Gutes widerfährt, ist das ein Leben in Menschlichkeit wert.“ Durch Geschenke, die Wertschätzung und Schutz vermitteln, erwächst Selbstbewusstsein, das seinerseits frei auf Fremde zugeht. Ein solches Selbstbewusstsein wird es nicht nötig haben, sich hinter irgendwelchen Fronten einzugraben. Es darf frei „Ich“ sagen, weil bei Gott Gnade regiert und nicht das richtige Gesangbuch. Geflüchtete, denen in unserer Kultur Gutes und Barmherzigkeit widerfuhr, werden – mit welchem Hintergrund auch immer – zu Kanditatinnen und Kandidaten einer Hoffnung, die bekennt: „I c h werde bleiben im Haus Eures Herrn immerdar.“ AMEN

Schreibe einen Kommentar


− 6 = 1